Gesundheitsmarkt im Wandel: Investoren als Treiber oder Störfaktor?

Von Grese Berisha
Kreuz

Inhaltsverzeichnis

 Entstehung von Praxisketten und Konzentration im Gesundheitsmarkt

 Marktbegrenzung oder Qualitätsverbesserung? Kontroverse Diskussion um Lauterbachs Plan, Praxisübernahmen durch Finanzinvestoren gesetzlich zu verbieten

 Gesundheitssektor boomt: Investoren setzen vermehrt auf Arztpraxen und MVZ

 Qualität statt Rendite: GKV-Spitzenverband und DGB unterstützen Lauterbachs Vorstoß

 Studie zeigt: Die Auswirkungen von Finanzinvestoren auf die Behandlungskosten in Arztpraxen

 Die Rolle von Finanzinvestoren in Arztpraxen: Chancen und Herausforderungen im Gesundheitssektor.

 Fazit: Die Balance zwischen Investition und Qualität im Gesundheitswesen

Vor zwei Jahrzehnten ermöglichte die Bundesregierung die Einrichtung von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) in Deutschland, um Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen zusammenzubringen und die medizinische Versorgung, besonders in ländlichen Regionen, zu optimieren. Die Gründung von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) in Deutschland hat neue Geschäftsmöglichkeiten im ambulanten Sektor geschaffen, was besonders für Private-Equity-Gesellschaften attraktiv ist. 

Auf den ersten Blick scheint es positiv zu sein, dass durch die Zusammenarbeit von Ärzten in MVZ eine bessere medizinische Versorgung gewährleistet wird. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich ein anderes Bild: Die Konzentration auf dem Gesundheitsmarkt führt dazu, dass immer mehr Praxen und Kliniken von wenigen großen Unternehmen kontrolliert werden.

Entstehung von Praxisketten und Konzentration im Gesundheitsmarkt

Die Ausgaben für das Gesundheitswesen in Deutschland, die 2021 fast 466 Milliarden Euro betrugen, locken zunehmend Investoren an. Ein Großteil dieser Investitionen bleibt jedoch aufgrund ihrer geringen Größe unter dem Radar der Wettbewerbshüter. Das Bundeskartellamt beobachtet zwar Konzentrationstendenzen, hat aber bisher kaum Eingriffe vorgenommen. Eine Herausforderung besteht darin, dass die meisten Übernahmen mangels Praxisgröße unbemerkt bleiben. Die Fusionskontrolle greift erst ab einem Umsatz von 17,5 Millionen Euro. Laut Kartellamtspräsident Andreas Mundt werden pro Jahr etwa zehn Praxisübernahmen überprüft, aber bislang wurde keine einzige untersagt.

Angebote an niedergelassene Ärzte: Laut der Stiftung Gesundheit haben rund 11,7 Prozent der niedergelassenen Ärzte Angebote von Investoren zur Praxisübernahme erhalten. Besonders umworben werden Fachärzte, von denen 17,1 Prozent bereits kontaktiert wurden. Von den eingegangenen Angeboten haben 8,5 % der Ärzte angenommen, weitere 25,5 % erwägen dies, wenn die Bedingungen stimmen.

Positive Aspekte externen Kapitals: Befürworter externer Kapitalgeber argumentieren dafür, dass deren finanzielle Unterstützung zu einer Verbesserung der technischen Ausstattung und Arbeitsbedingungen in Facharztpraxen führen kann. Sie betonen zudem die Vorteile flexibler Arbeitszeiten und Teilzeitmodelle für Ärzte unter solcher Führung. 

Insgesamt muss man bei allen Entwicklungen darauf achten, dass das Ziel immer das gleiche bleibt: Die Sicherstellung der bestmöglichen Qualität der medizinischen Versorgung - und zwar unter Wahrung des freien Wettbewerbs!

Marktbegrenzung oder Qualitätsverbesserung? Kontroverse Diskussion um Lauterbachs Plan, Praxisübernahmen durch Finanzinvestoren gesetzlich zu verbieten

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach plant ein gesetzliches Verbot der Praxisübernahme durch Finanzinvestoren. Er argumentiert, dass gewinnorientierte Unternehmensführung die Qualität der Versorgung beeinträchtigen könnte und schlägt vor, dass Praxen denjenigen gehören sollten, die aktiv in ihnen arbeiten. Dieser Vorschlag wird jedoch von vielen Investoren und Praxisinhabern kritisiert, die argumentieren, dass eine solche Regelung den Markt einschränken würde.

Es ist wichtig zu beachten, dass sowohl externe Kapitalgeber als auch aktive Ärzte einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des Gesundheitswesens leisten können. Es muss jedoch sichergestellt werden, dass dies nicht auf Kosten der Versorgungsqualität oder des freien Wettbewerbs geschieht.

Gesundheitssektor boomt: Investoren setzen vermehrt auf Arztpraxen und MVZ

Die Transaktionsaktivitäten im Bereich der Arztpraxen stiegen im Vergleich zum Vorjahr signifikant an. Finanzinvestoren und ausländische Investoren waren sehr daran interessiert, ihre Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) zu erweitern, indem sie Arztpraxen erworben haben. Die bevorstehende Regulierung des Bundesgesundheitsministeriums hat diese Aktivitäten weiter vorangetrieben und könnte möglicherweise Einschränkungen für private Kapitalgeber bedeuten.

Im Jahr 2023 hat es mehr Aktivität im Bereich Radiologie gegeben, mit 18 bekannten Transaktionen und vermehrten Käufen von Zahnarztpraxen durch verschiedene Gruppen. Allerdings gibt es keine präzisen und vollständigen Informationen zu diesen Transaktionen.
In den vergangenen Jahren wurden möglicherweise Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von ärztlichen Praxen in Deutschland von internationalen Investmentfirmen aufgekauft. Laut Panorama-Untersuchungen sind mehr als 500 Augenkliniken in den Besitz internationaler Private-Equity-Gesellschaften übergegangen - eine Verdreifachung im Vergleich zu früher. In den letzten Jahren haben ausländische Investmentfirmen Hunderte, möglicherweise Tausende von Arztpraxen in Deutschland gekauft. Besonders im Bereich der Augenheilkunde gehören laut Recherchen von Panorama mehr als 500 Praxen internationalen Private-Equity-Gesellschaften - eine dreifache Zunahme im Vergleich zu den Vorjahren.

Ebenso setzt sich der anhaltende Trend fort, dass Medizinische Versorgungszentren (MVZ) als Investitionsobjekte wahrgenommen werden.  Im Jahr 2018 hat Bobsin rund 425 Standorte von MVZ/Praxen in privater Hand durch Beteiligungsgesellschaften identifiziert (ohne Zahnarzt-MVZ). Diese Zahl stieg 2019 auf über 600 und für 2020 wurden zuletzt ca. 750 Standorte prognostiziert, trotz der Herausforderungen durch die Corona-Pandemie, die das Geschäft zumindest etwas belastet haben.
Im vergangenen Jahr gab es im Gesundheitswesen eine beachtliche Zunahme von Fusionen und Übernahmen, insgesamt wurden 186 Transaktionen getätigt – das waren mehr als im Vorjahr (172). Besonders aktiv waren niedergelassene Leistungserbringer mit 57 Übernahmen, gefolgt von Pflegebetrieben (45), Pflegeimmobilien (36) und Krankenhäusern/Fachkliniken (22).

Im Gegensatz dazu gab es im Krankenhaussektor nur 22 Fusionen und Übernahmen. Die meisten Krankenhäuser hatten finanzielle Schwierigkeiten, insbesondere kleinere Einrichtungen. Private Krankenhausketten waren weniger bereit, notleidende Kliniken zu übernehmen. Dennoch zeigten private Investoren, vor allem im Bereich der Grund- und Regelversorgung großes Interesse an einer Übernahme. Es gab eine breite Palette von potentiellen Käufern sowohl aus dem privaten als auch gemeinnützigen Sektor des Gesundheitswesens wie zum Beispiel die Fusion zwischen Marienhaus-Gruppe und St. Franziskus-Stiftung im September 2022 verdeutlichte.

Die Zahl der Übernahmen von Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen durch Private Equity-Gesellschaften in Deutschland steigt von Jahr zu Jahr. Die genannten Zahlen geben jedoch keinen Aufschluss über die tatsächliche Anzahl der erworbenen Einrichtungen. Denn ein Kauf kann eine einzelne Arztpraxis oder bis zu 160 Pflegeheime umfassen. Es ist davon auszugehen, dass aufgrund der Intransparenz des Marktes nicht alle getätigten Käufe in den Zahlen enthalten sind.

Qualität statt Rendite: GKV-Spitzenverband und DGB unterstützen Lauterbachs Vorstoß

Lauterbach äußert grundsätzliche Bedenken gegenüber zweistelligen Renditen im Gesundheitswesen und sieht die Notwendigkeit einer Änderung des Gewinnkonzepts im Gesundheitswesen. Er plädiert dafür, dass Kliniken ihre Preise nach der Qualität ihrer Leistungen differenzieren sollten, damit Kliniken mit höherer Qualität auch Gewinne erzielen können.
Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-Spitzenverband) und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) unterstützen Lauterbachs Vorstoß und betonen, dass eine gute medizinische Versorgung nur möglich sei, wenn der Mensch im Mittelpunkt stehe und nicht der Profit. 
Kritik an Lauterbachs Vorstoß kommt hingegen vom Bundesverband der Betreiber Medizinischer Versorgungszentren (BBMV). Die BBMV-Vorsitzende Sibylle Stauch-Eckmann weist darauf hin, dass Investoren dringend benötigtes Geld für die Modernisierung der ambulanten Versorgung bereitstellen.

Während einige die Modernisierung und Effizienzsteigerung durch Investoren begrüßen, heben andere Bedenken hervor. Sie warnen vor potenziellen Versorgungslücken und einer Beeinträchtigung der Qualität durch zu starke Gewinnorientierung. Letztlich muss es immer das Ziel sein, eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung für alle Menschen in Deutschland sicherzustellen. Dies erfordert eine Balance zwischen wirtschaftlichen Interessen und dem Wohl der Patienten.Es ist die Aufgabe aller Beteiligten - Regulierer, Investoren, aktive Ärzte - dieses Ziel gemeinsam zu erreichen.

Studie zeigt: Die Auswirkungen von Finanzinvestoren auf die Behandlungskosten in Arztpraxen

Eine Studie des IGES Instituts im Auftrag der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern hat festgestellt, dass Arztpraxen, die Finanzinvestoren gehören, im Durchschnitt mehr als zehn Prozent höhere Behandlungskosten pro Fall berechnen als unabhängige Einzelpraxen. Das deutet darauf hin, dass diese Praxen stärker auf wirtschaftliche Anreize ausgerichtet sind.

Ärzte in von Investoren geführten Praxen stehen unter ökonomischem Druck und legen daher größeren Wert auf Gewinnziele. Das äußert sich in einem erhöhten Angebot kostenpflichtiger Zusatzleistungen und Eingriffe mit dem Ziel eines finanziellen Gewinns. Insgesamt verursacht der Erwerb von Arztpraxen durch Investoren juristische und finanzielle Veränderungen im deutschen Gesundheitswesen. Dies geht einher mit einer zunehmenden Kommerzialisierung der medizinischen Betreuung und einem wachsenden Bewusstsein der Politiker für die damit verbundenen Risiken.

Die steigenden Ausgaben im Gesundheitswesen und das Interesse von Investoren an Praxisübernahmen werfen wichtige Fragen auf.

Die Rolle von Finanzinvestoren in Arztpraxen: Chancen und Herausforderungen im Gesundheitssektor.

Die Beteiligung von Finanzinvestoren im Gesundheitssektor ist ein umstrittenes Thema. Während sie in einigen Fällen zur Modernisierung und Verbesserung der Dienstleistungen beitragen können, besteht die Sorge, dass eine übermäßige Konzentration und Gewinnorientierung die Qualität der Patientenversorgung beeinträchtigen könnte. In den letzten Jahren hat die zunehmende Präsenz von Finanzinvestoren in Arztpraxen zu bedeutenden Veränderungen geführt. Sie haben vermehrt in verschiedene Arztpraxen investiert, einschließlich Augenarztpraxen. Sie haben zunehmend in verschiedene Arztpraxen investiert, darunter auch in Augenarztpraxen. So wurden in verschiedenen Regionen und Städten zahlreiche Augenarztpraxen von großen Finanzkonzernen übernommen, wie Recherchen des NDR ergeben haben.

Gerhard Schick, Geschäftsführer des Vereins Finanzwende Recherche, betont, dass dieser Trend weitreichende Folgen für die Patienten haben könnte. Wenn Praxen von einem großen Finanzunternehmen gebündelt werden und dieses finanziell scheitert oder insolvent wird, kann dies die medizinische Versorgung erheblich gefährden. Gerät ein Unternehmen, das in einer Region zahlreiche Arztpraxen aufgekauft hat, in finanzielle Schwierigkeiten oder gar Insolvenz, könnte dies zu kritischen Versorgungsengpässen für die dortigen Patienten führen.
Die aktuelle Studie der "Finanzwende Recherche", die dem NDR exklusiv vorliegt, deutet darauf hin, dass einige dieser Praxis-Gruppen mit erheblichen finanziellen Belastungen zu kämpfen haben. Gerhard Schick befürchtet mögliche Folgen für die Gesundheitsversorgung, wenn Praxiskonzerne künftig insolvent werden.
Gewinnorientierung und finanzielle Verpflichtungen könnten letztlich die Qualität und Kontinuität der Patientenversorgung beeinträchtigen. Er sieht daher Anlass zur Sorge. Diese Entwicklung wirft wichtige Fragen hinsichtlich der Stabilität und Nachhaltigkeit der Gesundheitsversorgung auf, wenn private Investoren verstärkt in medizinische Einrichtungen investieren. Es ist daher wichtig, die Auswirkungen dieser Entwicklung sorgfältig zu analysieren und geeignete Maßnahmen zu ergreifen. 
Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern äußert Bedenken, dass bei unzureichender Rentabilität investorengeführte Praxen sich möglicherweise zurückziehen, was zu Versorgungslücken und potenziellen Rettungen durch Steuergelder oder KV-Mittel führen könnte. 

Fazit: Die Balance zwischen Investition und Qualität im Gesundheitswesen

Die zunehmende Rolle von Finanzinvestoren im Gesundheitssektor bietet Chancen für technische Verbesserungen und Effizienzsteigerung, birgt aber auch Risiken für die Qualität und Unabhängigkeit der Patientenversorgung. Investoren tragen wesentlich zur Modernisierung bei, indem sie Kapital für technologische Upgrades bereitstellen. Ohne sie könnten einige Einrichtungen technologisch zurückfallen. Ärzte schätzen die durch Investoren ermöglichte Flexibilität und Entlastung von administrativen Aufgaben, um sich besser auf die Patientenversorgung konzentrieren zu können.
Jedoch ist es entscheidend, eine Balance zu finden, in der Investitionen das Gesundheitswesen verbessern, ohne die Patientenversorgung zu beeinträchtigen. Die von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach vorgeschlagenen regulatorischen Maßnahmen zielen darauf ab, Kommerzialisierung zu begrenzen und die Versorgungsqualität zu sichern.
Die Zukunft des Gesundheitssektors hängt davon ab, wie gut wirtschaftliche und ethische Anforderungen in Einklang gebracht werden. Es gilt, einen regulatorischen Rahmen zu etablieren, der Qualität sichert, ohne Innovationen, die durch externe Investitionen entstehen, zu blockieren.


Quellenangaben: 

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/139879/Lauterbach-will-Finanzinvestoren-den-Kauf-von-Arztpraxen-verbieten
https://www.br.de/nachrichten/wirtschaft/studie-investoren-machen-immer-mehr-praxen-uebernahmeangebote,TbP6pIZ
https://www.deutschlandfunkkultur.de/arztpraxen-investoren-gesundheit-medizin-100.html
https://www.medical-tribune.de/praxis-und-wirtschaft/niederlassung-und-kooperation/artikel/zahl-der-mvz-in-private-equity-besitz-auch-2020-gestiegen
https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr/arztpraxen-private-investoren-100.html
https://www.br.de/nachrichten/wirtschaft/spekulationsobjekt-arztpraxis-wenn-investoren-mit-medizinischer-versorgung-geld-verdienen-wollen,Tv0H5yb
https://www.pwc.de/de/pressemitteilungen/2023/transaktionen-im-gesundheitswesen-investoren-greifen-bei-arztpraxen-zu-bevor-regulierung-greift.html
https://www.finanzwende-recherche.de/wp-content/uploads/Profite-vor-Patientenwohl_Private-Equity-Beteiligungen-an-Arztpraxen-in-Deutschland.pdf
https://www.iges.com/kunden/gesundheit/forschungsergebnisse/2022/mvz-in-bayern/index_ger.html
https://www.gerichte-und-urteile.de/arztpraxen-regulierung-investoren/

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Thema: Vertrieb Medizinprodukte, Healthcare Marketing

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